Reitkunst für

Islandpferde

Reitkunst mit Islandpferden?

Die akademische Reitkunst verbindet man meistens mit Barockpferderassen und "hoher Schule". Das hat auf den ersten Blick wenig mit Freizeitreiten im Gelände und Tölt zu tun. Doch der Schein trügt: Es geht in der akademischen Reitkunst nicht um Lektionen, die ein Pferd erreichen muss. Sich als Reiter davon frei zu machen, fällt manchmal schwer. Gerade, wenn ein Pferd leicht lernt und viel anbietet, verliert man sich gerne in einzelnen Übungen. Die Reitkunst ist aber niemals Selbstzweck, sondern hat einen biomechanischen Hintergrund und dient der Gesundheit und dem Wohlbefinden des gerittenen Pferdes.

Unser Hintergedanke ist folgender: Auch wenn ein Islandpferd vielleicht nie piaffieren wird, profitiert es dennoch von einer akademischen Ausbildung. Ein losgelassenes Pferd mit schwungvollen, taktklaren 3, 4 oder 5 Gängen, das auf feinste Hilfen reagiert und den Reiter lange Zeit gesund tragen kann - das ist unser Ziel.

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Kruppeherein auf dem Zirkel

(Foto: Sophie Hardorp)

"Der Rückengänger im Tölt" - Facharbeit zum Abschluss meiner Weiterbildung zum Physio-Trainer Reiten 360°

Nach zwei Jahren Ausbildungszeit habe ich in den Osterferien meine Weiterbildung zum Physio-Trainer Reiten 360° abgeschlossen. Die praktische Unterrichtsprüfung, abgenommen von Sabine Ellinger, bildete den letzten Prüfungsteil. Auch meine Facharbeit ist nun endlich fertig. Insbesondere das Anfertigen der Zeichnungen war ein enormer Aufwand, aber mir waren aussagekräftige Bilder und Fotos sehr wichtig. Ich hoffe, dass meine Erkenntnisse und Überlegungen dazu beitragen, die Gangpferdewelt ein bisschen besser zu machen, daher gibt es die Arbeit hier komplett zu lesen: Der Rückengänger im Tölt - ein Widerspruch?

Aktuelles

Powerplay

„Powerplay“ heißt unser neuer Kurzfilm – Warum? Glæðir ist ein sehr beweglicher Naturtölter, dem es sehr schwer fällt, gesprungene Bewegungen zu zeigen, sich durch Versammlung zu stabilisieren und seinen Rumpf anzuheben. Durch die Zucht auf gelaufene Bewegungen fehlt ihm außerdem die Federkraft. Das macht sich vor allem im Trab und Galopp bemerkbar. Die Sprungphase ist kaum vorhanden und Galopp ist oft mit hohem Tempo und einer Passverschiebung verbunden. Zum Ausgleich für die eingeschränkte Federkraft müssen wir  verstärkt isometrisches Training der Rumpftragemuskulatur machen, also statische Haltearbeit. Das ist extrem anstrengend, vor allem, wenn die aufgebaute Energie sich wieder in Bewegungen entladen soll. 

Mit 19 Jahren macht sich außerdem ein bisschen „Altersstarrsinn“ bemerkbar. Wenn es anstrengend wird oder er keinen Sinn in einer Aufgabe erkennt, weigert er sich. Auch mit Leckerli lässt er sich nur begrenzt „bestechen“, wenn ich etwas auf Kommando abrufen will. 

Der Schlüssel zu mehr Freude und Motivation heißt intrinsische Motivation durch Spiel. Glæðir ist eher rangniedrig und spielt nicht mit den anderen Pferden. Ich habe daher versucht, spielerische Elemente aufzugreifen und ihm gleichzeitig Sicherheit vermittelt, dass er „wild“ sein darf. Versammlung wird in der Natur von Pferden eingesetzt, um anderen Pferden zu imponieren. Dieses Gefühl hat uns im herkömmlichen Training gefehlt.

Anfangs stand ich hinter einem Zaun, so dass er mir nicht gefährlich werden konnte, wenn er z. B. steigt. Er hat schnell unglaublich viel Spaß daran gefunden, vor allem „Tüten fangen“ ist sein Lieblingsspiel. Ich animiere meist aus der Distanz durch meine eigene Körpersprache, ohne durch zu viel Energie Stress zu verursachen. Dabei vermeide ich „Kommandos“ – er soll selbst mit Bewegungen experimentieren. Beim Rumpf anheben im Stehen berühre ich seinen Widerrist oder die Kniekehle, um seine Aufmerksamkeit auf diese Körperregionen zu legen und mache Vorschläge über meine eigene Körpersprache. Beim Rumpf anheben mache ich mich groß und gehe auf die Zehenspitzen. Für Hankenbeugung beuge ich ebenfalls meine Knie. Die Weichbodenmatte dient zum Propriozeptionstraining. Durch den instabilen Untergrund ist Balance schwieriger und Glæðir muss seinen Rumpf stärker stabilisieren. Die kleinen Bewegungen sorgen außerdem dafür, dass es ihm leichter fällt, seine Hanken zu "entriegeln". Das Pferd kann Knie- und Sprunggelenk "verriegeln" und dadurch entspannt stehen und sogar schlafen. Es fällt dem Pferd schwer, diese Verriegelung unter Belastung zu lösen und den Rumpf trotzdem zu stabilisieren. Die Matte sorgt auch für eine gewisse Stoßdämpfung beim Aufkommen – das ist wichtig für sein geschädigtes Karpalgelenk. Unser Schotterplatz ist sehr hart. 

Ich bin absolut überrascht, welche Bewegungen Glæðir im Freispiel zeigt und es macht unglaublich viel Spaß. Das einzige Problem ist, dass „normale“ Bodenarbeit schwieriger wird, weil er ständig mit Spielvorschlägen kommt. Interessant ist, dass das kaum etwas mit der positiven Verstärkung zu tun hat, die ich auch in der Bodenarbeit und beim Reiten einsetze. Diese Bewegungen wirken selbst belohnend – oft überhört er den Klicker und macht einfach weiter. Das sind für mich die Momente, wo intrinsische Motivation entsteht.

Bodenarbeit und Freispiel im Schnee

Dieser kleine Einblick in unsere Bodenarbeit und das Freispiel mit einem Target zeigt ganz gut unsere derzeitigen Baustellen. Schulterfreiheit ist für einen Naturtölter mit wenig Federkraft unglaublich schwierig. Im Kruppeherein im Schritt gelingt es Glæðir schon gut, sich zu tragen. Im Trab lasse ich ihn weitgehend selbst seine Form finden. Man erkennt vor allem mit der gedehnten Seite innen, wie er phasenweise auf die innere Schulter fällt. Am einfachsten trägt er sich hier in einer sehr tiefen Haltung, erkennbar am besseren Vorgriff. Angaloppieren gelingt  am besten spielerisch mit einem Targetstab, den Glæðir fängt. Er liebt es im Spiel zu steigen, zieht sich hier aber meistens mit festem Rücken hoch. Auch wenn das biomechanisch nicht korrekt ist, hoffe ich, dass er hier im Laufe der Zeit mehr Kraft bekommt. Das Training bleibt eine Gratwanderung - einerseits korrigiere ich vorsichtig, andererseits bewirkt zu viel "Fehlersuchen", dass er die Motivation verliert. Die Freude am gemeinsamen Experimentieren mit Bewegungen steht am Boden ganz klar im Mittelpunkt.

 


Blogmagazin 360°Pferd

Karolina Kardel hat mich gebeten, für ihr tolles Blogmagazin Glæðirs und meine Geschichte zu erzählen: Eine persönliche Reise zur Akademischen Reitkunst 

Endlich fertig! Der Ausbildungsordner von Reitkunst Südwest 

ausbildungsordner

Ein Jahr lang haben wir Bücher gewälzt, Konzepte entwickelt, mit unseren Pferden ausprobiert und am Layout gefeilt. Jetzt ist er endlich fertig – der Ausbildungsordner von Reitkunst Südwest! Weiterlesen...

 

Zitate zur Reitkunst

"Der Mensch erfährt, wenn er hinhört, mehr über seine Natur, als er je wissen wollte. Seine Hitzköpfigkeit, seine Unzulänglichkeit trägt er öffentlich zur Schau, denn er verlangt ja nichts vom Pferd, was es von Natur aus nicht schon könnte. Der Reiter und nie das Pferd ist unzulänglich und begrenzt; und jeder Reiter hat irgendwo seine Grenzen, wo er es nicht schafft, zur Natur des jeweiligen Pferdes vorzudringen."

Bent Branderup

 

"Die schönen Künste erzeugen wahrhaft Schönes nur, wenn sie sich in den Grenzen des Natürlichen halten. Jede Überschreitung dieser Grenzen bestraft sich durch Zerrbilder und Karikaturen, und obgleich die Mode auch solche mitunter schön findet, haben sie doch mit der wahren Kunst nichts gemein."

Gustav Steinbrecht

 

"Jede Bewegung ist ein Gefühl. Das Pferd kann nicht stolz gehen, wenn es sich nicht stolz fühlt! Bewegung ist Botschaft. Wenn ein Pferd höhere Lektionen lernt unter dem Reiter, so soll es Haltungen zeigen und sich so bewegen, als wäre es ein selbstbewusster Hengst. Doch auch ein Mensch, der in einer Zwangsjacke steckt, die man ihm übergestülpt hat, wird niemals locker und fröhlich zu tanzen beginnen oder gar mit großen, imponierenden Gesten daherkommen. Genau das aber verlangt der Reiter vom Pferd. Er versucht, dem Pferd die stolze Haltung abzuzwingen, oft mit aller Gewalt. Was so erreicht wird, ist leere Geste, Marionettentanz, Verzweiflungszauber - der Kreatur abgerungen durch Menschenmacht. Zum Gefallen der Zuschauer, die ebenfalls menschlich fühlen. Hochgefühle aber beflügeln Mensch wie Pferd! Wenn ein Pferd in erhabener Stimmung ist und sich imposant fühlt, wird es die erhabene Form freudig annehmen und mit Leben und Ausdruck füllen."

Imke Spilker: "Das selbstbewusste Pferd"

 

"Das Pferd hat ein natürliches Potential von Gefühlen und Instinkten. Menschen haben dies an sich auch, aber die westliche Gesellschaftsordnung entfernt uns immer mehr und mehr von dieser natürlichen, intuitiven Seite unserer Intelligenz. Wir sind so furchtbar technisch und logisch und glauben, dass sowohl wir als auch die Pferde wie Maschinen funktionieren. Das ist ja zum Glück nicht der Fall. Für Stadtleute und andere, die nicht das Glück hatten, mit Tieren aufzuwachsen, ist es schwierig zu verstehen, wie ein Tier denkt und fühlt. Wer lernen will, mit Pferden umzugehen, muss in erster Linie die Psychologie und die Sinne des Pferdes verstehen lernen. Wie sieht ein Pferd? Wie hört es? Auf welche Gerüche reagiert es? Wie verhält es sich, wenn man dies oder jenes macht? Wie funktionieren seine Instinkte?"

Reynir Aðalsteinsson

 

"Das Problem des Pferdes sitzt in der Regel im Sattel. Wer sich dessen bewusst ist, dem fällt es leicht, fair zu bleiben."

Anke Schwörer-Haag

 

"Was ein Pferd unter Zwang tut, (...) das beherrscht es nicht, noch sieht das in irgendeiner Weise schöner aus, als wollte man einen Tänzer durch Peitschen und Stacheln zwingen. Viel eher würde jeder, dem so etwas widerfährt, eine schlechte als eine gute Figur machen, sei es nun ein Mensch oder ein Pferd. Es muss vielmehr all seine schönsten und prächtigsten Leistungen aufgrund von Hilfen freiwillig vorweisen."

Xenophon

 

"Ich bewundere Pferde mit besonderen Fähigkeiten und Reiter, die diese hervorzaubern können. Aber weit mehr bewundere ich Reiter, die mittelprächtige Pferde prächtig reiten, denn es gibt viele, die prächtige Pferde leider nur mittelprächtig reiten."

Bent Branderup

 

"Man vergesse nie, dass die Dressur eine geregelte Gymnastik, aber keine Zwangsmethode sein soll, dass der Körper des Pferdes in die gewünschte Form nicht auf einmal hineingepresst, sondern allmählich befähigt werden soll, dieselbe zwanglos anzunehmen."

Gustav Steinbrecht

 

"Alles, was ich vom Pferd möchte, muss sich in meinem Körper widerspiegeln. Erst dann ist es reiten. Sonst ist es transportiert werden."

Bent Branderup

 

"Jeder hat das Pferd, was er verdient: Man hat es sich selbst ausgesucht und zu dem gemacht, was es jetzt ist."

Bent Branderup