Reitkunst für

Islandpferde

Mara & Bounty

mara bounty

Ich bin 18 Jahre alt und habe vor drei Jahren angefangen mit Bounty zu arbeiten. Das heißt bei uns nicht nur akademische Reitkunst, sondern auch Ausritte und einfach Spaß zusammen haben.

Bounty ist ein Isländer-Welsh-Mix und wahrscheinlich um die 20 Jahre alt, was wir aber nicht genau wissen, da sie keine Papiere hat. Früher stand sie mit sehr vielen anderen Tieren, nicht nur Pferden, auf dem Gelände, wo wir heute unseren Offenstall haben. Die Vorbesitzerin war irgendwann nicht mehr in der Lage, sich um die vielen Tiere zu kümmern, daher wurden sie zwangsweise abgegeben. Bounty wurde jedoch von niemandem übernommen, da sie schon damals sehr schwierig im Umgang war. Sie war daraufhin eine Zeit lang alleine im Stall eingesperrt. Unser jetziger Stallkollege zog dann in die Nähe des Stalls und hatte Mitleid mit dem Pony. Er fing an, sich um Bounty zu kümmern, entfernte die meterdicke Mistmatratze und baute einen Auslauf. Schließlich übernahm er Bounty ganz und kaufte sich noch ein Pferd dazu. Trotz einiger Versuche, Bounty doch noch einzureiten blieb sie unberechenbar und war schließlich nur noch Beistellpferd. Zusätzlich zum starken Sommerekzem und Übergewicht entwickelte sie Hufrehe. Sie ist außerdem anfällig für Koliken.

Im Januar 2012 wechselten wir dann mit Glaedir den Stall und so lernte ich Bounty kennen. Durch die schlechten Erfahrungen, die sie mit Menschen gemacht hatte, war sie sehr aggressiv. Ich konnte sie am Anfang noch nicht einmal putzen, ohne Angst zu haben, zwischen ihr und der Stallwand eingequetscht, getreten, oder gebissen zu werden. Bei den ersten Reitversuchen wälzte sie sich mit Sattel, bockte, stieg, oder blieb einfach stehen und ging keinen Schritt mehr weiter. Teilweise war es schon fast gefährlich, etwas mit Bounty zu machen, weshalb bin ich auch einige Male runtergefallen bin und getreten oder gebissen wurde. Meine Mutter hätte mir auch fast verboten, weiterzumachen.

Aber Bounty war nicht nur Menschen gegenüber sehr aggressiv, sondern auch anderen Pferden gegenüber. Sie konnte, wie wir später feststellten, gar keine „Pferdesprache“. Das heißt zum Beispiel, dass ein Pferd normalerweise auf Druck weicht. Bounty ging dagegen schon auf das leiseste Anzeichen von Druck dagegen. Doch dann kam noch ein viertes Pferd in unseren Stall, das noch heute ranghöher ist und somit einen großen Teil dazu beigetragen hat, das Kommunikationsproblem zu lösen.

Ich denke das Entscheidende, warum ich nicht einfach aufgehört habe mit Bounty zu arbeiten, war, dass ich fast immer daran geglaubt habe, sie wieder hinzukriegen. Außerdem hatte ich ja kein eigenes Pferd und meine Mutter wollte Glaedir selbst reiten.

Zu Beginn haben wir also hauptsächlich daran gearbeitet, das Vertrauen zwischen Mensch und Pferd aufzubauen und grundlegende Kommandos wie treiben und anhalten zu lernen. Das Klicker-Training brachte uns einen großen Schritt weiter: Bounty war es überhaupt nicht gewohnt, gelobt zu werden und außerdem ist sie intelligent und auch sehr verfressen. 

Das Sommerekzem und die Hufrehe haben wir mittlerweile gut im Griff, müssen aber bei Futterumstellungen immer noch sehr vorsichtig sein, dass keine Kolik auftritt.

Bis wir so weit waren, dass wir „normal“ reiten konnten, das hieß ausreiten im Schritt und im Trab, mit einem anderen Pferd vor einem und ohne die ganze Zeit stehen zu bleiben oder zu bocken, hat es trotzdem ein Jahr gedauert. Auf dem Platz reiten ging auch nicht, weil sie dann in die Mitte gelaufen ist und stehengeblieben ist. Ich habe später gemerkt, dass Bounty eigentlich sehr sensibel und unsicher ist. Sie konnte das zu dem Zeitpunkt noch nicht zeigen, besser gesagt, sie wurde dann aggressiv. Das war mir anfangs natürlich nicht klar, ich dachte dann eben, sie hätte schlechte Laune oder wäre bösartig, zumal das Treten und Bocken schon sehr gezielt war.

Mittlerweile erkenne ich ihre Stimmung fast immer und weiß, wenn sie Angst hat oder überfordert ist. Wir können in allen Gangarten reiten, auf dem Platz und auch alleine im Gelände. Alleine ausreiten zu gehen war ein sehr großer Schritt. Es zeigt, wie sehr sie mir mittlerweile vertrauen kann, da sie ja eigentlich sehr leicht unsicher wird. Wir mussten das ganz langsam beginnen, mit fünfminütigen Spaziergängen am Anfang.

Auf die Akademische Reitkunst sind wir durch meine Mutter gekommen. Die Ausbildung fällt Bounty relativ schwer, weil sie sich schnell verspannt, stark überbaut ist und einen sehr kurzen, dicken Hals hat. Gerade deshalb hilft uns diese Reitweise aber enorm viel. Bounty kann Schulterherein auf beiden Händen im Schritt. Wir arbeiten im Moment vor allem am Vorwärts-abwärts im Schritt und im Trab. Bounty ist dabei ein wunderbares Lehrpferd für eine schrittweise Ausbildung: Es ist wichtig, sie nicht zu überfordern, weil sonst manchmal gar nichts mehr geht. Außerdem erhält man bei ihr eine sofortige Rückmeldung. Ein Beispiel dafür ist der Sitz: Wenn ich locker und richtig sitze, zeigt sie mir das sofort, indem sie sich streckt und abschnaubt. Ich habe bisher sehr viel von meiner Mutter gelernt und hatte Unterricht bei Susanne Waltersbacher. Außerdem war ich bei ein paar Kursen mit Glæðir und darf bald mit Bounty an unserem ersten Kurs mit Alexandra Bohl teilnehmen.

Natürlich sind wir noch nicht weit in der akademischen Reitkunst, aber wir sind zumindest einmal so weit, dass wir zwanglos miteinander arbeiten können und beide Spaß daran haben. Bounty ist vielleicht kein Traumpferd, was sich jeder wünscht, aber ist es nicht viel schöner ein anfangs aggressives und unglückliches Pferd jetzt freudig und motiviert zu sehen? Ich habe eine ganz andere Beziehung zu ihr als zu anderen Pferden. Außerdem lernt man so auch die ganz kleinen Fortschritte zu schätzen und kann sich über die größeren umso mehr freuen. Und so freuen wir beide uns auch auf das, was noch vor uns liegt.

bounty alexandra

Beim Kurs mit Alexandra Bohl 2014

bounty mara schnee

Mara und Bounty - eine ganz besondere Freundschaft

(Text: Mara, Foto: Anja)

Abschied von Bounty

Am 1. Oktober musste unser Pflegepony Bounty eingeschläfert werden, nachdem ihre Nieren versagt haben. Sie konnte ganz friedlich gehen, ohne Schmerzen und Panik und es war der richtige Moment. Ich bin sehr erleichtert, dass es so gekommen ist, aber natürlich auch sehr traurig. Sechs Jahre haben Mara und ich uns um Bounty gekümmert. Wir denken an eine schöne und sehr lehrreiche Zeit zurück. Mara hat immer an dieses früher extrem verrückte, aggressive Biest geglaubt und es tatsächlich geschafft, sie mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen noch mit ca. 20 Jahren einzureiten. Bounty war unser bester Lehrer, was Pferdepsyche angeht. Sie wurde zum Verlasspony, aber nur, wenn man ihre Grenzen respektierte und mit viel Lob. Mit Druck hatte man bei ihr keine Chance - sie hatte schon in jungen Jahren gelernt, dass sie stärker ist als der Mensch. Run free, kleines Pony - du warst etwas ganz Besonderes, eine eigensinnige Kämpferin, aber dann auch wieder ganz sanft. Wir vergessen dich nie!

"Was bedeutet das: ‚zähmen’?“ (...) „Das ist eine in Vergessenheit geratene Sache“, sagte der Fuchs. „Es bedeutet: ‚sich vertraut machen’.“ „Vertraut machen?“ „Gewiss“, sagte der Fuchs. „Du bist für mich noch nichts als ein kleiner Knabe, der hunderttausend kleinen Knaben völlig gleicht. Ich brauche dich nicht, und du brauchst mich ebenso wenig. Ich bin für dich nur ein Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich einzig sein in der Welt.“

Antoine de Saint-Exupéry

bounty 01.09.2018

Bounty am 1. September 2018

(Foto und Text: Anja)